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Nachrichten aus Kunst & Kultur in Brandenburg an der Havel

TIEFTAUCHER – eine Performance im Schwimmbecken

16. Oktober 2021
Stadtbad Brandenburg an der Havel

Ein Rückblick
Tanz, Live Fotografie, Live KLang + Video


Als ich Anfang der 1970er-Jahre in diesem Schwimmbecken das Schwimmen lernte, war die Halle gefüllt mit Düften von Chlor und Seife, die hallenhohen Fenster waren meist von Wrasen beschlagen und es herrschte ein permanentes Kinderstimmengewirr, Gejauchze und Gejuchze, das von den Trillerpfiffen der Bademeister dirigiert wurde. Jede und jeder hielt kurz inne um zu schauen, ob nicht doch sie oder er selbst gemeint wäre, um sofort wieder unterzutauchen. Viele hunderte Stunden haben meine Freunde und ich dort tobend und ausgelassen verbracht und am Ende des Schwimmnachmittags gab es für 30 Ostpfennige Limonade und für zwei Jroschen ein Paket Zwieback auf dem Heimweg. Lange vorbei. SCHADE.

Stadtbad Brandenubrg an der Havel

Seit mehr als 20 Jahren steht das im Jahr 1930 eröffnete Stadtbad leer, wird langsam zur Ruine und die Architektur des NEUEN BAUENS des 20. Jahrhunderts zerfällt.

Einzig einen schönen unerwähnten öffentlichen Auftritt hatte das alte Bad in dem 2017 erschienenen Spielfilm ‚Kundschafter des Friedens‘, als die Protagonisten (Gwisdek, Hübchen, Thieme, Glatzeder) in der (fiktiven) Ex-Sowjetrepublik Katschekistan ankommen, um einen entführten BND-Agenten zu suchen.

Es gab seitens der städtischen Verwaltung auch einige Überlegungen, aus der alten Badeanstalt etwas anderes zu machen, als eine Badeanstalt, aber alle wohlgemeinten Ideen versickerten im Märkischen Sand, scheiterten an verwaltungsrechtlichen Vorgaben sowie am Geld und so wurde das Gebäude samt Sportplatz zwecks Errichtung von Wohnungsneubauten an einen privaten Investor verkauft. Der Sportplatz ist wohnungsbebaut, das alte Bad verrottet weiter vor sich hin.

Doch im Mai des Jahres 2021 fanden sich verschiedene Projektpartner zusammen und starteten eine Initiative mit dem Ziel (Zitat): Die Entwicklung des historischen Stadtbades im Stil des Neuen Bauens zu einem nachhaltigen, kulturell-magnetischen Zentrum für zeitgenössische Künste. Ein Projekt für Brandenburg an der Havel und die Großraum-Region Berlin. Neues Leben in alten Mauern. Es wurde der Verein STADTBAD e. V. gegründet.
Und das ist gut, richtig und wichtig.

Zum Tag des offenen Denkmals 2021 strömten an 2 Tagen rund 2.000 Besucher ins Bad, um zu schauen und sich zu erinnern. Und nun am 16.10.2021 die erste Kunstaktion: TIEFTAUCHER – Eine Performance im Schwimmbecken von und mit Amie-Blaire Chartier (Tanz, Vancouver), Janina Steinmetz (Live Fotografie, Berlin) und Anne Müller (Live Klang + Video, Brandenburg an der Havel).

Als ich nun nach mehr als 40 Jahren wieder die Schwimmhalle an diesem Tag betrete ist vieles anders: die Sprungtürme sind demontiert, das Wasser samt Chlorgeruch entfernt, die angehaltene Uhr an der Stirnwand steht symbolisch für den Stillstand, den Zerfall. Um den Beckenrand herum, von dem aus man nie (ungestraft) springen durfte, hat man zur Sicherheit (anstelle trillerpfeifender Aufsichtspersonen) jetzt eine Absperrung gebaut. Die Kacheln aber sind erstaunlich gut erhalten und gegen das Beckenblau und das Wandbraungelb hat man junge Graffitikunst gesetzt.

Wir Besucherinnen und Besucher schlendern um den Beckenrand herum und schauen vorsichtig in das trockengelegte Loch, dessen tatsächliche Tiefe mir erst jetzt durch das fehlende Wasser vollends bewusst wird. Man hört das gedämpfte Getuschel der Leute und darunter - wie ein Teppich - eine permanente, nicht zuzuordnende Geräuschkulisse verschiedenster Vorgänge: leises Rauschen, Knistern, Knastern nur unregelmäßig unterbrochen von dumpfen PLOPPS, die dem Blitzgerät in der Mitte des Beckens geschuldet sind. LIVE FOTOGRAFIE stand in der Ankündigung, also vor Publikum öffentliches Ablichten von Ereignissen und Momenten. Ziel der lichtbildnerischen Bemühungen ist die Tänzerin (Amie-Blaire Chartier). Sie vollführt hier im Halbtiefen des Beckens ihre anmutigen Bewegungen, ob improvisiert oder einer zuvor erdachten Choreografie folgend, erschließt sich dem Betrachter nicht. Doch ist ihr Tanz eher leichtfüßig, nicht mit den Kräften des (imaginären) Wassers kämpfend. Die Fotografin (Janina Steinmetz) umschwärmt die Tanzende wie die sprichwörtlichen Motten das Licht und man bekommt eine Vorstellung davon, dass Fotografieren tatsächlich auch Arbeit sein kann. An den quer durch das Becken gespannten Leinen hängen Tücher und eine der Leinen führt den Blick dann zu der die Geräusche produzierenden Quelle: Anne Müller steht an ihrem Pult mit dem Loop-Gerät und entwickelt knisternd und kratzend, mal pustend und flüsternd, auch klopfend und streichelnd, plätschernd und knitternd den Sound des Nachmittags.

Ab jetzt bin ich wohl gefordert, wollte ich in diesem (Kunst-)Becken nicht untergehen (längst vergessene Kinderängste steigen in mir auf). JETZT muss ich mir die Deutungshoheit über das Dargebotene holen, ich bin aufgefordert, das zu Sehende und zu Hörende tieftauchend in meiner Seele, in meinem Hirn zu hinterfragen: also los jetzt, steh’ nicht rum und glotze, empfinde jetzt und spüre, empfange die Botschaft aus der Tiefe des Beckens, in dem du einst schwimmen lerntest: NICHTS, LEIDER NICHTS. Ich bekomme es nicht hin, Geräuschkulisse, Tanz und Live Fotografie in einen mich überraschend staunend machenden Zusammenhang zu setzen. Enttäuschte Stille über mich selbst macht sich in mir breit. Nur ein Satz aus einem alten Märchen schleicht sich langsam von hinten an: ‚Guck‘ Mami, der Kaiser ist ja nackt.‘

Und so waren für mich das angekündigte TIEFTAUCHEN nur FLACHKÖPPER, die nicht im Ansatz die Tiefen des großen Schwimmbeckens des Stadtbades Brandenburg an der Havel auszuloten vermochten. SCHADE.


Weiterführende Links

www.stadtbad.eu
Stadtbad Kunstforum auf Instagram (mit Bildern von der Performance)
YouTube-Kanal von Amie-Blaire Chartier
Website von Janina Steinmetz
Website von Anne Müller